Diashow "Der Fall"

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Pressestimmen


Die erstaunliche Fähigkeit des Vergessens


von Antje Stilliger


Bonn - Hinterhältig verfolgt ihn das Lachen, sitzt ihm wie der Teufel im Nacken, lässt Jean-Baptiste Clamence nicht mehr los. Stets hat der Pariser Anwalt in der Überzeugung gelebt, das Richtige zu tun. Jetzt muss er feststellen: Es war ein Irrglaube, eine Lüge. Am Tiefpunkt seines Daseins angekommen, geht der Franzose schonungslos mit sich selbst ins Gericht und legt in einer Amsterdamer Bar seine Buße ab. Ein Sturz ins Bodenlose beginnt.

Einen intensiven Theaterabend beschert die Regisseurin Bärbel Stenzenberger den Besuchern der Premiere von Albert Camus "Der Fall" im Euro Theater Central. Raffiniert, vielschichtig und fesselnd ist die Inszenierung (eine Koproduktion mit der Tanzkompanie bo komplex) und der Zuschauer ist geneigt, förmlich von der ersten bis zur letzten Minute den Atem anzuhalten. Mit starrem Blick steht Jean-Baptiste Clamence (grandios dargestellt von Raphael Traub) vor einer vertikal aufgespannten Plastikplane, reflektiert über seine "erstaunliche Fähigkeit des Vergessens", blickt der Wahrheit ins Auge und resümiert:"Ich bewegte mich ständig an der Oberfläche des Lebens."

Hinter ihm bewegt sich schemenhaft Olaf Reinecke (zu den hervorragend passenden Klängen von Helena Rüegg), verkörpert in schwarzer Kleidung das versteckte Ich von Clamence, mit dem er im Laufe des Geschehens mal in vergnügliche Eintracht und Harmonie oder streitbaren Gegensatz verfällt. Vorwitzig steckt Reinecke bei der Erwähnung des boshaften Lachens, das den Protagonisten, nachdem es den Selbstmord einer jungen Frau nicht verhinderte, verfolgt, seinen Zeigefinger durch die Plastikplane und legt förmlich den Finger in seine Wunde. Ein Loch reißt auf und die geschickt in Szene gesetzte zweite Ebene verschwindet. Es folgt ein eindrucksvoller Pas de deux, angelegt um die Camus' spezifische Überwindung des Absurden, gekennzeichnet durch ein hoffnungsloses Sich-zur-Wehr-Setzen gegen die Sinnlosigkeit und einer defätistischen Suche nach Halt.

Verzweifelt klammern sich Traub und Reinecke aneinander, während sich der Untergrund mit Wasser füllt. Im glitschigen Nass verlieren die Protagonisten in dieser genialen Szene im wahrsten Sinne des Wortes den Boden unter den Füßen - die Ausweglosigkeit unserer Existenz samt ihrem Streben nach Erkenntnis und Sinn wird dem Zuschauer auf beeindruckende Art und Weise vor Augen geführt. Nachdenklich und trotzdem erfüllt lassen die Darsteller nach diesem außergewöhnlichen Theaterabend das Auditorium zurück.


(Kölnische Rundschau vom 16. September 2017)


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In der Schwebe frei

„Der Fall“ von Albert Camus im Euro Theater Central

 

„Warten Sie nicht auf das jüngste Gericht: Es findet jeden Tag statt“, sagt Bußrichter Jean-Baptiste Clamence in „Der Fall“. Es ist Albert Camus’ letztes vollendetes Prosawerk, das sich das Euro Theater Central zur Eröffnung seiner 48. Spielzeit ausgesucht hat. Und das traditionsreiche Privattheater hat sich einmal mehr die Bonner Tanzkompanie bo komplex ins Haus geholt.

Bärbel Stenzenberger inszeniert die monologische Lebensbeichte von Clamence als Dialog. Die beiden Schauspieler und Tänzer Raphael Traub und Olaf Reinecke setzen von Beginn an das zutiefst Unheimliche von Camus’ Roman packend in Szene, indem sie die Person von Clamence verdoppeln. Anfangs noch schemenhaft durch einen Plastikvorhang getrennt, tanzen und spielen Traub und Reinecke das komplette Repertoire einsamer Zweisamkeit durch. Schon bald verwirrt sich jegliche Ordnung von Original und Spiegelbild. Imitation ist plötzlich genuin und unverfälschte Mimik wirkt abgeguckt.

Das Bühnenbild (Hedda Ladwig) mit diversen Zerrspiegeln im Hintergrund verstärkt die traumhaften und ekstatischen Bewegungen der Tänzer. Und auch auf dieser Ebene verwischt mit Fortgang des Stücks die Grenze zwischen Bild und Spiegelung, Original und Kopie – „hier“ und „dahinter“ fallen zusammen.

Bewegung und Bilder sind dabei viel mehr als nur Echo des Texts. Immer wieder gewinnt die faszinierende Körpersprache von Traub und Reinecke die Oberhand und öffnet Perspektiven tief zwischen die Zeilen von Camus’ Roman. Die grüblerische Schwere von Clamence gerät in die Schwebe, und sein harsches Urteil über ein sinnloses Leben erhält etwas zutiefst Kindliches, einen Drang, nie still zu stehen, in Bewegung zu sein, um nicht geistig zu erstarren. Wird doch das jüngste Gericht täglich fortgeführt. Aber wenn es immer schon zu spät ist, lässt es sich auch umso freier beginnen.“


(C.P., Schnüss Bonn Nr. 10 2017, S. 24)


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Geschichte eines Absturzes

Die Bonner Choreografin Bärbel Stenzenberger inszeniert Albert Camus' "Der Fall" im Euro Theater Central


von Elisabeth Einecke-Klövekorn


Wenn er einem Blinden über die Straße geholfen hatte, lüftete er seinen Hut. An wen richtete sich diese Geste, die der Blinde ja nicht sehen konnte? Jean-Baptiste Clamence gibt die Antwort: An die Zuschauer. All seine Hilfsbereitschaft und Wohltätigkeit waren also bloß eine scheinheilige Selbstinszenierung. Clamence, einst ein erfolgreicher Anwalt in Paris, berichtet in einer Amsterdamer Seemannskneipe von seinem "Fall". Im deutschen Titel von "La Chute", der 1956 erschienenen, letzten vollendeten Erzählung des Dichters Albert Camus, schwingt die juristische Bedeutung mit. Es ist die Geschichte eines Absturzes, der begann, als Clamence auf dem Pont Royal den Sprung einer Selbstmörderin in die Seine nicht verhinderte.

Die fünf Monologe sind eigentlich Dialoge mit einem unbekannten Gegenüber. Sprunghaft wie ein Gespräch, in das immer wieder Erinnerungsmomente und philosophische Reflexionen einfließen. Camus' Clamence beobachtet sich wie eine Figur in einem selbstverfassten Stück. Dies hat die Regisseurin und Choreografin Bärbel Stenzenberger nun im Euro Theater Central als Koproduktion zwischen dem kleinen Privattheater und ihrer Tanzkompanie "bo komplex" auf die Bühne gebracht. Der in Braunschweig lebende Schweizer Schauspieler Raphael Traub, glatzköpfig mit rotblondem Bart, verkörpert den "Buß-Richter" Clamence. Angeklagt ist ICH. Olaf Reinecke zeichnet es von hinten auf die transparente Wand, die anfangs den Spieler und das Publikum als vierte Wand von der Bühne trennt. Reinecke zerreißt den Vorhang und wird zum körperlichen Alter Ego des eloquenten Redners. Manchmal kommentiert er mit ironischer Distanz dessen Aussagen, manchmal scheinen die beiden Figuren miteinander zu verschmelzen.

In der raffinierten Ausstattung von Hedda Ladwig (Bühne und Kostüme) verdoppeln große Spiegel im Hintergrund die Bewegungen und verzerren sie zur Kenntlichkeit. Denn Clamences große Lebensbeichte ist ebenso ehrlich wie verlogen. Eine zynisch eitle Selbstbespiegelung bis hin zur bewussten Selbsterniedrigung, den lustlosen Ausschweifungen und der Gefangenschaft im "Ungemach", einer Zelle, die weder Stehen noch Liegen erlaubt.

Ist der selbsternannte "Buß-Richter" schuldig am Verschwinden der (bis heute nicht wieder aufgetauchten) Tafel "Die gerechten Richter" des berühmten Genter Altars? Camus hat diverse Realitätspartikel in seinen Text gebaut (Video-Projektionen: Medienkünstlerin Lieve Vanderschaeve, Ton und Musik: Miroslav Wilner). Sein bildungsbürgerlicher Protagonist, der das Erhabene schätzt, verliert sich in den konzentrischen Kreisen der Amsterdamer Kanäle, die ihm wie Dantes Hölle erscheinen. Wasser überflutet langsam den Schauplatz (für das kleine Haus eine technische Glanzleistung, Sonderlob für Uwe Rieger!). Es ist kalt und neblig in dem Gebiet um die trostlose Bar "Mexiko City", in der Clamence auf seiner Abwärtsspirale landete. Bis die deutschen Besatzer für Platz sorgten, wohnten dort Juden.

Hinter der schillernden Ästhetik der 75-minütigen, zutiefst bewegenden Vorstellung verbirgt sich eine aktuelle Brisanz, die sich im überzeugten Premierenbeifall spiegelte.


(General Anzeiger Bonn vom 16./17. September 2017)


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Dialog zwischen Ich und Es

Euro Theater Central startet in neue Spielzeit


von Thomas Kölsch


Jean Baptiste Clamence ist ein Narziss. Ein Egomane, der nur sich selbst sieht. So zumindest behauptet er es selbst, und wer könnte dem Protagonist aus Albert Camus' Roman "Der Fall" schon widersprechen? Er, der immer den Hut lüpfte, nachdem er einem Blinden über die Straße geholfen hatte, um die potenziellen Zuschauer zu grüßen, und der einst den Suizid einer Frau nicht verhinderte, ist letztlich der Einzige, der seine Geschichte zu erzählen vermag. Diese allerdings auf die Bühne zu bringen, ist eine Herausforderung - eine, der sich das Euro Theater Central in Kooperation mit der Tanzkompanie bo komplex zur Eröffnung der neuen Spielzeit allerdings nur zu gerne stellt. "Es gibt ja keine wirkliche Handlung, nur eine Aneinanderreihung von den Menschen ausmachenden Impulsen", erklärt Theaterchefin und Dramaturgin Ulrike Fischer. "Aber gerade diese Charakterzeichnung macht den Text ja letztlich so spannend. Und er passt einfach perfekt zu unserem Haus."

Tatsächlich hat das Euro Theater schon verschieden Camus-Inszenierungen realisiert. "Ich bin einfach ein großer Fan des Autors", gesteht Fischer. "Im Januar 2016 hatten wir ihm ja ein mehrtägiges Festival gewidmet und dabei auch im Bonner Kunstverein 'La Chute' als szenische Lesung produziert. Schon damals suchten wir nach Wegen, um eine zusätzliche theatrale Tiefe zu erhalten, und haben Olaf Reinecke von bo komplex gefragt, ob er nicht die Gedanken des Protagonisten mit seiner Körperlichkeit ergänzen könnte. Das hat so gut funktioniert, das wir uns nicht nur auf eine Lesung beschränken wollten. So ist dieses Projekt entstanden." Nun erzählen sowohl Reinecke als auch der Schauspieler Raphael Traub in einer massiv gekürzten Fassung von Leben und Fall des Jean-Baptiste Clamence, seines Zeichens erfolgreicher Pariser Anwalt mit einer sich immer stärker ausprägenden Sinnkrise. "Wir trennen die Figur in Bewusstsein und Unterbewusstsein, in Ich und Es", erklärt Choreografin Bärbel Stenzenberger. "Diese beiden interagieren ständig miteinander, tauschen sich aus und lenken sich letztlich gegenseitig."

Wie schon in anderen Arbeiten von bo komplex im Euro Theater bricht auch die neue Produktion die Grenzen dessen auf, was in dem kleinen Bühnenraum möglich zu sein scheint. "Ich habe mir natürlich schon überlegt, wie ich mit den Beschränkungen kreativ arbeiten kann", gesteht Stenzenberger lachend. Ohne zu viel verraten zu wollen - das dürfte ihr gelungen sein. Eine derartige Bühne wie bei diesem gut einstündigen Stück hat es in dem alten Patrizierhaus auf jeden Fall noch nicht gegeben. Nun liegt es an Reinecke und Traub, das Publikum in das Seelenleben von Clamence hineinzuziehen.


(General Anzeiger Bonn vom 12. September 2017)